Astronomie unter dem Kreuz des Südens

Die Cuno Hoffmeister Gedächtnissternwarte

von Axel Martin
Cuno Hoffmeister Gedächtnissternwarte - Außenansicht - © Axel Martin

Das gewaltige zweiteilige Schiebedach aus Wellblech gibt der Windhoeker Sternwarte ein unverwechselbares Aussehen.

Die Stille der Nacht wird nur durch das Ticken der Stopuhr und das leise Surren des Teleskopantriebs gestört, zwei Gräusche die hier jetzt fast unnatürlich laut wirken. Alle anderen im Haus haben sich schon vor mehreren Stunden schlafengelegt. Ich bin alleine auf dem Dach der Cuno Hoffmeister Gedächtnissternwarte - alleine unter dem scheinbar endlosen Sternenhimmel Namibias...

Gebannt starre ich in das Fadenkreuzokular. Das Teleskop habe ich auf den größten und hellsten Kugelsternhaufen unserer Galaxis, omega-Centauri, ausgerichtet. Dreißig Minuten soll das Foto belichtet werden, mehr als genug Zeit für das Licht, um den größten und hellsten Kugelsternhaufen des Himmels auf den Film zu bannen. Endlos schleichen die Minuten dahin. Abgesehen von einem fast unmerklich kleinen Schneckenfehler bleibt der Leitstern bewegungslos in der Mitte des Fadenkreuzes. Jetzt bloß keinen Nachführfehler machen...

Cuno Hoffmeister Gedächtnissternwarte - Teleskop - © Axel Martin

Vom Beobachtungsdeck der Sternwarte blickt man über eine weite, nur spärlich bewachsene Ebene. Da es hier nur sehr wenige künstliche Lichtquellen gibt, erreicht man mit dem C-14 bereits nach relativ kurzen Belichtungszeiten die 19. Größenklasse.

Endlich! Das laute Schellen der Uhr schreckt mich hoch. Es ist geschafft! Wieder ist ein Astrofoto "im Kasten". Schnell richte ich das Teleskop auf 47 Tucanae aus - ebenfalls ein Kugelsternhaufen. Ein Leitstern ist hier in der Nähe der Kleinen Magellanschen Wolke auch schnell gefunden. Nur noch die Stopuhr neu aufziehen, dann kann es losgehen...
Doch was ist das? Über dem Osthorizont steht ein heller Lichtkegel. Sollte die Nacht etwa schon vorbei sein? Ein Blick auf die Armbanduhr macht mich stutzig - es ist vier Uhr! Laut Jahrbuch soll die Dämmerung hier in der Nähe von Windhoek doch erst gegen 5:10 Uhr beginnen. Was kann es also dann sein? Knapp drei Grad über dem Horizont entdecke ich zwei helle Lichtpunkte. Der eine ist Formalhaut, der hellste Stern im südlichen Fisch, und der andere ist der Ringplanet Saturn.
Fasziniert betrachte ich mir den Lichtkegel genauer. Bei indirektem Sehen erkenne ich, daß sich ein zarter Ausläufer durch die Sternbilder Wassermann und Steinbock in Richtung des Schützen zieht. Hier verliert sich das schwache Leuchten dann schnell im hellen Band der Milchstraße. Kein Zweifel, das muß das Zodiakallicht sein!

Zodiacallicht - © Axel Martin

Das Zodiakallicht erscheint bereits ca. zwei Stunden vor Sonnenaufgang als breiter Lichtkegel über dem Osthorizont. Tief am Horizont sind der Planet Saturn und der Stern Formalhaut auszumachen.

Obwohl ich mich jetzt seit mehr als 10 Jahren mit der Astronomie beschäftige, ist dies meine erste Zodiakallichtsichtung. An einem Foto von 47 Tucanae habe ich schon lange kein Interesse mehr. Rasch bringe ich die Kamera mit einem Normalobjektiv bestückt oben auf dem Teleskoptubus an. Gut, daß das Teleskop so stabil läuft, daß man bei solch kurzen Brennweiten die Nachführung nicht kontrollieren muß. Die 10-minütige Belichtung nutze ich, um das Leuchten weiter mit bloßem Auge zu beobachten. Ganz gezielt achte ich jetzt auch auf die anderen Tierkreissternbilder.
Tief im Westen geht gerade der Löwe unter. Knapp über ihm steht die Jungfrau. Und auch hier sehe ich es jetzt! Ein schwach leutendes Band - immer entlang der Ekliptik. Bei genauerem Hinsehen bemerke ich, daß es im Bereich der Waage etwas heller leutet. Das muß der Gegenschein sein! Schon ist die Belichtungszeit vorbei, schnell noch einen Foto machen! Die Minuten vergehen wie im Fluge. Doch leider, auch die schönste Beobachtungsnacht geht einmal vorüber...
Innerhalb von wenigen Minuten hat sich am Osthorizont ein heller rötlicher Saum gebildet - die Dämmerung hat begonnen! Fast gleichzeitig ist das Zodiakallicht verschwunden. Solange es noch dunkel genug ist stelle ich den Planeten Jupiter im Teleskop ein. Er steht hier auf der Südhalbkugel jetzt fast im Zenit. Die Luft ist sehr ruhig an diesem Morgen, so daß zahllose Wolkenbänder auf dem Riesenplaneten zu erkennen sind.

Kleine Magellanwolke - © Axel Martin

Anfang Mai muß man bis kurz vor Dämmerungsbeginn warten, damit die Horizonthöhe der Kleinen Magellanschen Wolke so weit angewachsen ist, daß man ein Foto machen kann. Bereits mit einem Normalobjektiv kann man gleichzeitig auch den Kugelsternhaufen 47-Tucanae als kleines verwaschenes Scheibchen abbilden.

Ehe ich mich versehe, ist es auch schon so hell geworden, daß man fast keine Sterne mehr erkennen kann. Dafür sieht man jetzt im Osten den Erdschatten, der langsam immer tiefer sinkt und mit zunehmender Helligkeit immer blaßer wird. Als die Sonne über dem Horizont erscheint, fahre ich das Dach der Sternwarte zu. Mir bleibt gerade noch genug Zeit, um mich bis zum Frühstück noch knappe zwei Stunden hinzulegen...

So wie hier geschildert, laufen, für einen, vom hellen europäischen Nachthimmel nicht gerade verwöhnten Amateurastronomen, fast alle Beobachtungsnächte auf der Cuno Hoffmeister Gedächtnissternwarte ab.
Etwas mehr als vier Jahre ist es nun her, daß Sonja Itting-Enke sich ihren Traum von einer eigenen Sternwarte erfüllen konnte. Ihr Interesse an der Amateurastronomie besteht jedoch schon wesentlich länger.
Nachdem sie in den fünfziger Jahren aus der ehemaligen DDR geflohen war, kam sie nach ihrer Heirat nach Namibia. Hier hinderten sie jedoch ihre Pflichten als Hausfrau und Mutter für viele Jahre daran, sich mit ihrem seit dem Kindesalter bestehenden Interesse an der Astronomie intensiver zu beschäftigen. Erst mit dem 15. Jahrestag der Mondlandung, die Rückkehr des Halleyschen Kometen rückte auch immer mehr in das allgemeine Interesse, fand sie wieder zu ihrem alten Hobby zurück.

Omega Centauri - © Andreas Böker

Der Kugelsternhaufen omega-Centauri bietet bereits in einem normalen Fernglas einen prachtvollen Anblick. Mit einem großen Teleskop wird seine Beobachtung allerdings zu einem unvergeßlichen Erlebnis.

Auslöser war damals ein Schulbasar in der Schule ihrer Kinder. Um das Interesse der Schulkinder an der Astronmie zu wecken, entwickelte sie mit mehreren Schülern ein Modell unseres Planetensystems. Der Erfolg war so groß, daß in der folgenden Zeit weitere astronomische Modelle und auch kindgerechte Sternkarten folgten, von denen auf Schulausflügen und anderen schulischen Veranstaltungen reger Gebrauch gemacht wurde. Ihr Engagement für Kinder hat sich Sonja Itting-Enke bis heute bewahrt, obwohl die politischen Veränderungen in Namibia in den letzten Jahren eine Zusammenarbeit mit den Schulen immer schwieriger werden läßt.
Wie wohl alle Amateurastronomen träumte auch Frau Itting-Enke schon immer von einer eigenen Sternwarte. Bis es jedoch soweit war, mußte der Garten ihres Windhoeker Stadthauses für die ersten Beobachtungen herhalten. Erst vor ca. vier Jahren ergab sich die Gelegenheit, ein kleines Grundstück in den Auasbergen, etwa 20km südlich der namibianischen Hauptstadt, zu erwerben. Der Grund, sich gerade für diesen Sternwartenstandort zu entscheiden, war der Kompromiß zwischen der Nähe zur Zivilisation und einem dunklen Nachthimmel. Heute findet man Frau Itting-Enke und ihre Sternwarte in der Nähe der B1 auf der Fahrt von Windhoek nach Rehoboth. Kurz vor der einzigen Eisenbahnunterführung des Landes zweigt hier eine Schotterpiste (Pad D1504) nach links ab. Vorausgesetzt, man hat sich vorher telefonisch angemeldet, hat einen Wagen mit guten Stoßdämpfern und gute Nerven, erreicht man die Sternwarte knapp 20 Minuten nachdem man die Stadtgrenze von Windhoek hinter sich gelassen hat.
Auf einem kleinem Berg links neben der Straße liegt ein für den astronomisch Unkundigen etwas ungewöhnlich aussehendes Haus. Geprägt wird die ganze Anlage durch ein gewaltiges Schiebedach aus Wellblech, das das Obergeschoß des Hauses krönt. Unter ihm verbirgt sich Frau Itting-Enkes ganzer Stolz: ein 35cm-Teleskop vom Typ CELESTRON C-14, aufgestellt auf einer ultra-stabilen deutschen Montierung der Duisburger Firma SIDERES. Neben der eigentlichen Sternwarte bietet das Haus jedoch auch alle Dinge, die ein normales Wohnhaus ausmachen, sowie drei zusätzliche Doppelschlafzimmer für "Gastbeobachter" (meist Amateurastronomen aus der Bundesrepublik). Da der Himmel im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika allerdings fast immer sternenklar ist, werden diese Räume im allgemeinen nur sehr selten zu ihrem eigentlichen Zweck genutzt.

M 22 - © Axel Martin

Der Kugelsternhaufen M 22 ist der dritthellste Vertreter seiner Art am ganzen Himmel. Da er jedoch in europäischen Breiten bestenfalls nur sehr flach über dem Horizont steht wird er bei uns nur sehr selten beobachtet. Dieses Foto, das im Primärfocus des C-14 entstand, zeigt bereits tausende von Einzelsterne.

Zu Sonja Itting-Enkes freigewählten Aufgaben gehört auch heute noch vorranging die astronomische Arbeit mit Kindern sowie die allgemeine astronomische Bildung der Bevölkerung. So kann es durchaus einmal vorkommen, daß der meist fotografisch interessierte "Gastbeobachter" seinen Platz am Teleskop für eine Schulklasse oder eine andere astronomisch interessierte Gruppe räumen muß. Dies ist meiner Meinung nach jedoch nicht weiter schlimm, da man auf diese Art und Weise auch wieder einmal den Himmel visuell beobachten kann. Auch kann man bei dieser Gelegenheit sein in zahlreichen Nächten, meist einsam am Teleskop erworbenes Wissen an Interessierte weitergeben. Bei meinem diesjährigen Aufenthalt kam zum Beispiel an einem Abend eine Professorin der Windhoeker Universität mit einer holländischen Gaststudentin zu Besuch. Obwohl sich die Durchführung der Sternführung aufgrund der leichten Sprachprobleme (es wurde immer zwischen Deutsch und Englisch gewechselt) zunächst etwas schwierig gestaltete, entwickelte sich jedoch schon bald eine angeregte Unterhaltung über den Aufbau unseres Weltalls, in deren Verlauf auch zahlreiche Himmelsobjekte im Teleskop eingestellt wurden.

Insgesammt habe ich bei meinem letzten Urlaub fünf Nächte auf der Windhoeker Sternwarte verbracht. Abgesehen von dem oben beschrieben Abend (sowie einer ersten visuellen Nacht zum "Eingewöhnen" unter dem Südhimmel) habe ich fast die gesammte Zeit für astronomische Fotos genutzt. Im Nachhinein stellte sich hierbei jedoch leider heraus, daß der von mir verwendete 1600ASA-Film der Firma FUJI aufgrund seiner geringen Rotempfindlichkeit nicht gerade ideal für eine astronomische Nutzung ist, so daß es wohl unumgänglich ist, noch mindestens einmal nach Namibia zu fahren.
Jetzt, wo der Urlaub inzwischen fast ein halbes Jahr zurückliegt, denke ich noch oft an die sternenklaren Abende südlich des Äquators zurück. Die Auflösung eines so gewaltigen Kugelsternhaufens wie omega-Centauri scheinbar bis ins Zentrum hinein gehört ebenso zu den einmaligen Eindrücken, wie das den Himmel umspannende Band der Milchstraße mit all seinen Dunkelwolken. Auch ohne optische Hilfsmittel ist der Sternenhimmel über Namibia selbst für Laien ein Anblick, der seinesgleichen sucht.
Ich möchte an dieser Stelle ganz besonders Frau Itting-Enke für ihre herzliche Aufnahme bei sich zu Hause und für die zur Verfügungstellung ihrer Geräte bedanken. Wenn alles klappt werde ich bereits im nächsten Jahr wieder meinen Urlaub unter dem südlichen Sternenhimmel verbringen und freue mich bei dieser Gelegenheit schon jetzt auf ein Wiedersehen. Allen anderen, die ebenfalls eine Reise nach Namibia planen, sei ein Besuch der Cuno Hoffmeister Gedächtnissternwarte angeraten - eine telefonische Anmeldung ist jedoch unbedingt erforderlich.


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